Av-Zell im Wiesental

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22.04.07 (21)

Vertreibung aus dem Paradies

Manchmal denke ich beim Fischen an der Wiese: "Ich bin aus dem Fischerparadies vertrieben worden"
Und dies, obwohl ich mich doch immer an die Bestimmungen und Vorgaben halte und am liebsten mit der Trockenfliege fische, weil ich der Ansicht bin, die Forellen sollen in meinem Paradies eine gerechte Chance haben. Ich meine, man soll nur der steigenden und an der Oberfläche nach Nahrung suchenden Forelle die Fliege anbieten.

Diese Art der Fliegenfischerei setzt natürlich voraus, dass ich mich mit aller Rücksicht am Ufer bewege, mich anschleiche und nach Möglichkeit ohne ins Wasser zu steigen den ausgemachten Fisch mit der Trockenen zu fangen versuche.

Manchmal sind mir dabei Situationen vorgegeben, bei denen ich die Fliege nur mit allen bisher erlernten Würfen  - die nicht in der einschlägigen Literatur beschrieben sind -  der Forelle schmackhaft anbieten kann. Wenn sie dann aber nach meinem Angebot steigt, um die Fliege einzusaugen, dann ist die Spannung so hoch, dass ich oft schon das Atmen vergessen habe.

Das ist für mich Fliegenfischen in meinem Fischerparadies an der Wiese!
Ein Innehalten, ein kurzes Verschmelzen mit der Natur, meine Passion, kurz: Ein unvergesslicher Moment.

Platsch, platsch und noch mal Platsch ... so werde ich in solchen Momenten oft aus meinem Fliegenfischer-Paradies herausgerissen. "Hallo, was beißt? Und schon was gefangen?" ruft mir der bis zur Hüfte im Wasser dahin stapfende Angler zu. Darauf folgen heftige Würfe mit einer Gold-, Silber- oder Tungstenkopf-beschwerten Nymphe. Voll auf Erfolg programmiert wird diese "Fliege" durch das Wasser gerissen und  - Rückwurf -  wieder "Platsch, platsch", um die "Fliege" in hastigen Zügen bis zur Rutenspitze hin systematisch abzufischen. Jeder Zentimeter zählt!
"Du stehst dort wo die Forellen stehen" höre ich mich wie in Trance sagen. "Wo stehen sie?" höre ich als Antwort...Ich flüstere noch ein "Dort wo Du durchs Wasser gehst!"

Eigentlich, so denke ich auf dem Heimweg, ist diese Art der Fliegenfischerei nicht die, die ich mir in meinem Paradies vorstelle. Der Fisch wird beim Waten von seinem Standplatz vertrieben, die "Gold- oder Tungstenkopf-Nymphe" oder auch "Cone-head-Streamer Wooly-Buggy", durchfurcht blind das Wasser bei dieser Tastfischerei, die doch eher einem Grundfischen ähnelt als der schönen und sanften Fliegenfischerei.

In meinem Paradies fische ich auch manchmal mit einer beschwerten Nassfliege und lasse aber den "Goldkopf" aus Fairnessgründen weg. Ich finde, es gibt genügend  traditionelle Nassfliegen oder Nymphen, mit denen es sich fairer und besser fischen lässt.
"Aber ich muss doch auf Tiefe kommen, um die Großen zu fangen" höre ich es noch in meinen Ohren klingen.
Hier kann ich nur raten, abzuwarten und zu beobachten bis "die Große" eben nach den Trockenen steigt. Dies bedarf eines Zeiteinsatzes, es macht aber zum Schluss viel mehr Freude, wenn "die Großen" nach der Trockenen steigen.
Und "die Großen" steigen! Wirklich!
Nicht nur in meinem Fliegenfischer-Paradies. Ein Versuch ist nicht strafbar.

Manchmal frage ich mich schon, ob in dieser modernen neuen Welt alles, was mit einer Fliegenrute noch zu werfen ist, als Fliegenfischen eingestuft werden sollte. Damit meine ich die Tungsten, Coneheads, Upsidedowns, Popper-, Wiggler-, Schnorchler-Fliegen, die teils wahrlich nicht mal die entfernteste Verwandtschaft zu einem Fliegeninsekt haben, geschweige denn dessen Vorstadium  - einer Nymphe -  ähneln.

Unser Fliegenfischen ist doch nicht nur als reine Technik zu sehen, bei der das Wesentliche übersehen oder vernachlässigt wird. Dabei entgeht so manchem eine Erlebniswelt, um die uns viele Natur- und Tierschützer beneiden könnten.
Im unserem eigenen Fliegenfischerparadies sollten wir deshalb Folgendes diskutieren:

̶Die Wiese ist weder Sportplatz noch Spielwiese, sondern ein Biotop mit einer bestimmten Wasserqualität, Pflanzen- und Tierwelt.

̶Ohne entsprechende Rücksichtnahme belasten wir sie beim Hegen und Pflegen unnötigerweise.

̶Schonendes Fischen beginnt am Wasser selbst. Der Uferbewuchs ist ebenso zu respektieren wie die natürlichen Krautbestände. Jedes Waten schädigt und vernichtet die wichtigen Kleinlebewesen am Grund.

̶Unsere ausgewiesenen Schonstrecken dienen der Erhaltung und der natürlichen Regeneration unseres Bestandes.

Nur das möglichst gezielte Anfischen sichtbarer oder steigender Forellen geeigneter Größen kann deshalb als schonend bezeichnet werden.
Das fächerförmige Absuchen des Wassers dagegen nicht.

Stets mit stärkst möglichem Gerät und widerhakenlos zu fischen und nur mit Mustern, die den Namen "Fliege" auch verdienen, ist unabdingbar!

Das bedeutetet, dass wir in unserem Fliegenfischerparadies darauf achten müssen, waidgerecht (im wahrsten Sinne dieses Wortes) zu fischen.

Bei jedem Gang an das Wasser müssen wir die Kreatur und das Wunder des Lebens achten.

Damit verbieten sich sowohl Drills, die länger dauern als unbedingt nötig als auch Dutzende von Drills pro Tag, um fragwürdige Rekorde aufzustellen.

Diese Achtung, die wir den Fischen und unserer Wiese schulden, fordert auch ein rasches und vorsichtiges Zurücksetzen der zu schonenden Exemplare.

Das ist für mich die Modifikation an die Gegebenheiten, um unser Fliegenfischerparadies noch lange zu erhalten.

Die Forellen haben eben immer noch die alten Lebensgewohnheiten und deshalb schon genug damit zu tun, sich an die rasch voranschreitenden Umweltbedingungen anzupassen.

Nehmt es deshalb nicht als moralisierende Nörgelei, wenn ich Euch bitte, mit Euren Freunden über unser Fliegenfischerparadies und die Prinzipien des schonenden und fairen Fischens mit der Fliege zu diskutieren.


Euer Hans aus dem Fliegenfischer-Paradies
Im Januar 2013

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